Europa mit niedrigeren Emissionen in Bewegung halten: die Schlüsselrolle von kohlenstoffarmen flüssigen Brennstoffen

Perspektiven

Von Philippe Ducom, President, ExxonMobil Europe. Aus dem Englischen übersetzt. 

Eine meiner liebsten Arten, in den Urlaub zu fahren und neue lokale Reiseziele auf unserem Kontinent zu entdecken, ist immer noch das Autofahren.  Es gibt mir das ultimative Gefühl von Freiheit, ein Gefühl, das uns allen während der Lockdowns im letzten Jahr leider gefehlt hat. Jetzt sehen wir endlich Licht am Ende des Tunnels, und ich freue mich darauf, Europa wieder zu entdecken. Aber noch wichtiger ist, dass ich mich darauf freue, dies mit einer niedrigeren CO₂-Bilanz zu tun. Wie können die Europäer das schaffen? Wahrscheinlich dank der zunehmenden Bedeutung von kohlenstoffarmen flüssigen Brennstoffen.

Was sind kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe?

Viele Menschen wissen nicht, was kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe genau sind und welche Lösungen sie in einer emissionsärmeren Zukunft bringen können. Lassen Sie mich also ganz von vorne beginnen: Kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe werden nicht aus Erdöl hergestellt und bei der Herstellung und Nutzung entstehen keine oder nur sehr geringe Netto-CO₂-Emissionen. Ein Beispiel dafür sind Biokraftstoffe aus Biomasse, die nicht auf Lebensmitteln basiert. Zunächst durchlaufen Pflanzen bzw. Biomasse, die später zur Herstellung von Biokraftstoffen verwendet wird, den Prozess der Photosynthese, um zu wachsen – dabei entziehen sie der Luft CO₂. Später, wenn Biokraftstoffe in einem Fahrzeugmotor zum Einsatz kommen, ersetzt das in die Luft abgegebene CO₂ nur die zuvor aufgenommene Menge. Dadurch istdie CO₂-Bilanz dieser flüssigen Brennstoffe über den gesamten Lebenszyklus hinweg geringer oder sogar kohlenstoffneutral. Ein weiteres Mitglied der Familie der kohlenstoffarmen flüssigen Brennstoffe sind synthetische Kraftstoffe. Diese Kraftstoffe werden hergestellt, indem CO₂ aus der Luft mit kohlenstoffarmem Wasserstoff kombiniert wird. Dadurch entsteht ein Kraftstoff, der über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg sehr kohlenstoffarm oder sogar kohlenstofffrei ist.

Der größte Vorteil dieser kohlenstoffarmen flüssigen Brennstoffe ist, dass die benötigte Infrastruktur, um europäische Fahrzeuge in Bewegung zu halten, bereits vorhanden ist. Das bedeutet, dass wir bestehende Lager-, Verteilungs- und Tankstellennetze weiter nutzen könnten, um die Verfügbarkeit von kohlenstoffarmen flüssigen Brennstoffen zu fördern. Und was noch wichtiger ist: Es bedeutet auch, dass die bestehende Fahrzeugflotte in der EU von niedrigeren Emissionen profitieren kann. In vielen europäischen Ländern tanken Sie vielleicht schon Biokraftstoff, ohne es zu merken. BleifreierSP95-E10‘-Kraftstoff beispielsweise wird aufgrund des Bioethanolgehalts von bis zu 10 Prozent auch als „E10“ bezeichnet – und er ist in ganz Europa erhältlich. Mit anderen Worten: Kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe sind bereits vorhanden und stellen eine ergänzende Lösung dar, über die zwar nicht so oft gesprochen wird, die aber trotzdem genauso wichtig ist wie Elektrofahrzeuge oder andere Technologien, um zum europäischen Ziel der Klimaneutralität bis 2050 beitragen können.

Da kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe mit der bestehenden Motorentechnologie kompatibel sind, könnte ihr zunehmender Einsatz außerdem die Emissionssenkung beschleunigen. Das wiederum könnte das fortschreitende Wachstum der Elektroflotte ergänzen, indem kohlenstoffarme Lösungen für den Großteil der bestehenden Flotte in Europa verbreiteter angeboten werden. Der Öl- und Gassektor ist gut aufgestellt, um diese Lösung voranzutreiben. Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge haben Unternehmen, die im Energietechnologiesektor tätig sind, ihre jährlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Energiebereich im letzten Jahrzehnt um etwa 40 % gesteigert. Darüber hinaus kann die Branche auf ihr technologisches Know-how, ihre betriebliche Erfahrung und ihre Fähigkeit, Großprojekte zu leiten, zurückgreifen. Ein Beispiel für ein Projekt mit großem Potenzial ist der kürzlich erfolgte Start einer neuen Kooperation von ExxonMobil und Porsche im Bereich E-Fuels. Diese Vereinbarung zielt darauf ab, Wege einer möglichen zukünftigen Verbraucherakzeptanz im Straßenverkehr zu finden, indem fortschrittliche Biokraftstoffe und erneuerbare, kohlenstoffärmere E-Fuels in Hochleistungsmotoren im Motorsport getestet werden.

Mehr kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe in der Pipeline

Ich bin nicht nur ein Fan von Autos und Europareisen, sondern ich bin vor allem Ingenieur mit einer Leidenschaft für die Wissenschaft. Unsere wissenschaftlichen Teams faszinieren mich immer wieder mit der Entwicklung neuer, aufregender Technologien. Bei ExxonMobil steht zum Beispiel die Entwicklung fortschrittlicher Biokraftstoffe auf der F&E-Agenda. Warum sind sie so wichtig? Viele Fahrzeuge – insbesondere Flugzeuge, Schiffe und schwere Nutzfahrzeuge – sind aufgrund ihrer Größe auch in Zukunft auf die hohe Energiedichte von flüssigen Brennstoffen angewiesen, da es keine schnell verfügbare Alternative gibt. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir in Möglichkeiten investieren, die Kohlenstoffintensität von flüssigen Brennstoffen zu reduzieren.

Der Weg zum klimaneutralen Transport in Europa

Auch wenn kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe bereits Lösungen zur Dekarbonisierung der Mobilität bieten, ist es noch ein weiter Weg, bis sie in großem Umfang kommerziell produziert werden. Was muss also geschehen, damit kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe leichter skalierbar werden?

Erstens ist eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Industrie und politischen Entscheidungsträgern unerlässlich. Der gesetzliche Rahmen ist mindestens ebenso wichtig wie die technologischen Entwicklungen, um den richtigen Investitionsanreiz für den kommerziellen Einsatz der neuesten Technologie für kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe zu schaffen. Und dieser unterstützende politische Rahmen sollte auf der Zusammenarbeit zwischen den Interessengruppen sowie einem technologieneutralen Ansatz für Verkehrslösungen beruhen, der die gegenseitige Ergänzung fördert. Zweitens sind Synergien zwischen den verschiedenen Technologien und Lösungen erforderlich, die Europa in Bewegung halten. In einer dekarbonisierten Mobilitätszukunft gibt es keine „Einheitslösung“ für alle. Kohlenstoffarme flüssige Brennstoffe, Elektrofahrzeuge, Brennstoffzellen-Wasserstoff und andere Alternativen im Straßenverkehr sollten nebeneinander verfügbar sein. Nur so lässt sich die Nachfrage der europäischen Verbraucher nach sicheren und erschwinglichen Mobilitätslösungen mit geringeren Emissionen erfüllen. Wer freut sich schließlich nicht darauf, wieder die kleine, aber unbezahlbare Freiheit zu genießen, sich von seinem Auto an jeden gewünschten Ort bringen zu lassen?

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